Museum Heylshof &

Schaufenster ins Mittelalter

› Kein Zweifel. Der Dom ist in jeder Hinsicht die bauliche Krone von Worms. Zum einen befindet er sich auf dem höchsten Punkt der Stadt und kein Gebäude darf ihn überragen, zum anderen ist er ein architektonisches Juwel. Bis ins 19. Jahrhundert bildete er zusammen mit der Johanneskirche, dem Bischofshof, dem Domkreuzgang und dem Kapitelhaus ein prachtvolles Gebäude-Ensemble. Überlebt hat davon allerdings allein der Dom, die anderen Bauten fielen der Säkularisierung zum Opfer.

Eine Doppel-Präsentation der Wormser Museen widmet sich nun der spektakulären, lange im Dunkeln gebliebenen Baugeschichte und den historisch bedeutenden Ereignissen, die sich hinter der Fassade dieses imposanten Gotteshauses abgespielt haben. Dabei werden nicht nur besondere Exponate gezeigt. An akustischen Stationen können die Besucher sehr plastisch in die bewegte Wormser Vergangenheit eintauchen. So werden sie zum Beispiel Zeuge, wie Friedrich II., der Enkel von Kaiser Friedrich Barbarossa, die englische Prinzessin Isabella Plantagenet zur Frau nimmt, eine eher unromantische Heiratsallianz, die Papst Gregor IX. eingefädelt hatte. „Durch diesen erzählerischen Ansatz verbinden wir die Bauhistorie mit den von Menschen erlebten Geschichten, die in Teilen bis heute weiterleben“, erläutert Kuratorin Claudia Glass das Konzept der Schau.

Reise in die Geschichte

Eine anschauliche Reise in die Geschichte ermöglicht auch das animierte 3D-Modell der Johanneskirche,eines Baus, der einst an der Südseite des Doms stand und 1807 während der französischen Herrschaft abgerissen wurde. Der Architekturhistoriker Julian Hanschke von der Universität Karlsruhe hat das Gebäude in monatelanger Arbeit digital rekonstruiert: „Es war ein großartiges, für seine Zeit sehr innovatives Bauwerk, an dem sich schon frühgotische Elemente erkennen lassen.“ Sein Grundriss entsprach einem Zehneck, das an der Süd- und Ostseite durch Anbauten erweitert war.

Für seine Forschung hat der Wissenschaftler im Stadtarchiv und im Museum im Andreasstift recherchiert. Dort lagern noch über 90 Fragmente aus der Johanneskirche: Kapitelle, Säulen und Skulpturen. Neben Grafiken des Speyerer Zeichners Johannes Ruland, der das Baptisterium von innen und außen akribisch skizzierte, existieren unter anderem verlässliche Aufzeichnungen des Abbruchunternehmers: Anhand der Skizzen konnte der Geschäftsmann die Menge des beim Abriss anfallenden Baumaterials grob berechnen. Spuren des bedeutenden Bauwerks, das den Übergang von der Romanik zur Gotik markierte, finden sich heute noch unter der Erde. Architektur-Experte Hanschke ist sich sicher, dass die Krypta gut erhalten ist.

Der Dom als trotziges Gegenprojekt

Wenn in diesem Jahr an die erste Dom-Weihe erinnert wird, so bezieht sich dieses Jubiläum auf den Vorgängerbau, eine frühromanische Basilika an gleicher Stelle. Die Kathedrale, die heute über Worms ragt, wurde hauptsächlich zwischen 1130 und 1181 errichtet. Neues Licht in die immer noch rätselhafte Entstehungsgeschichte des Doms brachten vor neun Jahren die Untersuchungen des Heidelberger Kunsthistorikers Matthias Untermann, der wie auch der Mannheimer Historiker Erich Pelzer die Ausstellungsmacher fachlich beraten hat. Die Analyse der Bausubstanz ergab, dass schon 1105 mit dem Sanktuarium und dem Querschiff begonnen wurde, sodass der letzte Salierkaiser, der 1125 verstorbene Heinrich V., als Bauherr in Frage kommt. Der Monarch, der sich mit seinem Vater zerstritten hatte, startete damit wohl ein trotziges Gegenprojekt zu den viel älteren Domen seiner Familie in Speyer und Mainz.

Ein weiteres Projekt des Jubiläumsjahrs ist im Nibelungenmuseum zu sehen. Dort können die Besucher einer zentralen Szene des Nibelungenliedes in der Originalfassung der Handschrift B lauschen: dem berühmten Streit zwischen Brünhild, der stolzen Isländerin, und Kriemhild, der schönen Königstochter aus Worms. Darin sagt ihr Letztere ins Gesicht, dass nicht ihr eigener Mann, sondern Siegfried einst die Ehe vollzog. Die Szene hat die Mediävistin Ellen Bender unter Genderaspekten neu bewertet. „Damit knüpft das Nibelungenmuseum an sein Herzstück, die Hörtour auf den Spuren des unbekannten Dichters, an“, erklärt Dr. Olaf Mückain, wissenschaftlicher Leiter des Museums. ‹


Zwischen Himmel und Erde — 1000 Jahre Dom zu Worms
13. Juni bis 14. Oktober 2018
Museum der Stadt im Andreasstift & Nibelungenmuseum, Worms
www.museen-worms.de
Bildnachweis:
Julian Hanschke (Rekonstruktion/Aufmacherbild), Bildarchiv Marburg (Motiv Dom)

Museum der Stadt Worms im Andreasstift

In einem der schönsten Gebäude von Worms, im vormaligen St. Andreasstift, präsentiert das Museum der Stadt Worms eine spannende Reise durch die Stadtgeschichte. Regelmäßige Sonderausstellungen greifen aktuelle Themen auf. Zum reichen Schatz des Museums gehören zahlreiche Grabungsfunde aus der Stadt und der näheren rheinhessischen Umgebung aus der Bronze- sowie der Jungsteinzeit. Nicht weniger eindrucksvoll ist die Römische Abteilung des Museums: Dort befinden sich Weiheinschriften, Altäre, Tafelgeschirr, prachtvolle Gläser und Krüge. Die Funde der Franken, die Worms um 500 n. Chr. besiedelten, bereichern die Sammlung und Luthers historisch bedeutsamer Auftritt vor dem Wormser Reichstag 1521 wird im Museum genauso gewürdigt wie die Stadtgeschichte des frühen Mittelalters bis zur Neuzeit.
TerminMI 13. Juni bis MO 01. Oktober 2018
AdresseMuseum der Stadt Worms im Andreasstift // Weckerlingplatz 7 // 67547 Worms // Telefon: 06241 853-4105/-4101 // E-Mail: museum@worms.de // Facebook: @Museum der Stadt Worms im Andreasstift // Instagram: @museum_andreasstift
ÖffnungszeitenDienstags bis sonntags sowie feiertags 11–17 Uhr, montags geschlossen
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