Schlösser und Gärten Hessen

Luise und das Leben auf dem Land

› Hier fängt Deutschland an, Italien zu werden“, soll Kaiser Joseph II. ausgerufen haben, als er bei seiner Rückreise von Frankfurt nach Wien Anfang April 1764 an der Bergstraße rastete, der ein früher Frühling eine unvergleichliche Mandel- und Magnolienblüte bescherte. Doch es war nicht das milde Klima am Übergang der letzten steilen Ausläufer des Odenwalds zur Rheinebene im Westen, das die Anfänge der Geschichte des heutigen Staatsparks Fürstenlager begründete. Vielmehr hatte ein mineralischer Brunnen Mediziner und Honoratioren vor Ort von einem lukrativen Kurbad träumen lassen. Die wohlgehegte Quelle versiegte jedoch mehrfach und machte diese Hoffnungen zunichte — es blieb bei Trinkkuren.
Bei einer solchen hatte sich Erbprinz Ludwig von Hessen-Darmstadt im Sommer 1783 von einer längeren Krankheit erholt. Fortan verbrachten er und seine Gemahlin Luise hier regelmäßig die Sommerfrische. Die Familie wohnte mit ihrem Hofstaat im beschaulichen Mittelpunkt der Anlage, dem Dörfchen. Das Gebäudeensemble entsprach dem Stil sogenannter Zierfarmen, die in den fürstlichen Gärten der Epoche die Sehnsucht des Adels nach dem vermeintlich idyllischen Landleben zum Ausdruck brachten. Sie waren Ziele für Picknicke und Schäferspiele der Herrschaften, blieben aber in der Regel Staffage. Anders im Fürstenlager: Hier wurde tatsächlich genutzt, was andernorts nur schöner Schein war.

Weinberge und Streuobstwiesen

Die landgräfliche Familie zog sich nicht nach oberflächlichen Vergnügungen in ein repräsentatives Schloss zurück, sondern blieb im Herrenhaus inmitten der Anlage. Fern von den höfischen Zwängen der Residenzstadt Darmstadt genoss sie hier die private, fast bürgerliche Atmosphäre ohne Prunk. Und weil der Park nie abgeschlossen war, Bevölkerung und Ausflügler*innen Zugang hatten und sehen konnten, wie die Fürsten sich dort aufhielten, entstand der Name „Fürstenlager“.

Gestaltet wurde es vom Hofgärtner Carl Ludwig Geiger. Er bezog die Kulturlandschaft der Bergstraße mit Weinbergen, Acker- und Wiesenflächen sowie Streuobstwiesen in seine Planung mit ein. Geschwungene Pfade und Alleen verbanden die unterschiedlichen Partien zu einem harmonischen Ganzen. Wo besondere Ausblicke in die Landschaft freigegeben werden sollten, öffnete er die Wege zu kleinen Plätzen. Häufig sind diese Aussichtspunkte durch Parkstaffagen markiert.
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    Rückzugsort – das idyllisch gelegene Fürstenlager diente als Sommerresidenz für …
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    … den Erbprinz Ludwig von Hessen-Darm­stadt und seine Gemahlin Luise.
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Einige davon geben Einblicke in die Familiengeschichte und das Leben der Landgräfin und späteren Großherzogin von Hessen und bei Rhein. Das älteste Denkmal dieser Art ist der 1783 auf Wunsch Luises errichtete Freundschaftsaltar auf der Kuppe des Südhanges. Die Längsseiten tragen die verschlungenen Initialen Luises und Ludwigs mit der Widmung „A la vraie amitié“ auf der Ostseite und „Der wahren Freundschaft heilig“ auf der Westseite — ein Ausdruck des Freundschaftskults im 18. Jahrhundert. Sogar die Ehe wurde zeitweise als höchste Form der Freundschaft empfunden. Gerade in adligen Verbindungen, die meist keine Liebesheiraten waren, galt es als hohes Gut, wenn sich die Partner in Freundschaft verbunden waren.

So auch bei Ludwig und Luise. Als Cousin und Cousine kannten sie sich seit Kindertagen. Ihre Heirat war zumindest für Ludwig nur die zweite Wahl. Er war zuvor mit Sophie Dorothea von Württemberg verlobt. Diese wurde jedoch nach dem frühen Tod von Ludwigs Schwester Wilhelmine als zweite Gattin des russischen Thronfolgers Paul ausersehen. Der hessische Erbprinz musste der Auflösung der Verlobung zustimmen, erhielt dafür 10.000 Rubel und ehelichte wenige Monate später seine Darmstädter Cousine.

Eine harmonische Ehe

Es heißt, dass Ludwig und seine Gemahlin eine harmonische Beziehung hatten. 1827 feierten sie mit einem großen Fest ihre Goldene Hochzeit. 50 Jahre Ehe waren damals eine Seltenheit — zum einen wegen der allgemein geringeren Lebenserwartung, zum anderen, weil viele Frauen früh im Kindbett starben, so wie Luises Schwestern Friederike und Charlotte. Beide waren mit Karl von Mecklenburg-Strelitz verheiratet. Friederike starb mit knapp 30 Jahren nach der Geburt ihres zehnten Kindes, Charlotte im gleichen Alter ebenfalls wenige Tage nach der Geburt ihres ersten Kindes. Ihnen widmete Luise 1786 das Luisendenkmal in Form einer Urne, das in Luftlinie dem Freundschaftsaltar gegenüber am Nordhang liegt.

Das dritte Zeugnis der Familienbande ist der Freundschaftstempel am oberen Ende der Herrenwiese. Erbprinz Ludwig und sein jüngerer Bruder Emil ließen ihn 1824 für ihre Mutter Luise errichten. Der heute nach historischem Vorbild wiederhergestellte Rundtempel hat acht Pfeiler, die eine Kuppel tragen, die wiederum von einem vergoldeten Pinienzapfen bekrönt ist. Fünf Jahre konnte sich Luise noch an diesem Zeugnis der Zuneigung erfreuen. 1829 verbrachte sie ihren letzten Sommer in ihrem geliebten Fürstenlager, wo sie am 24. Oktober verstarb. ‹

Staatspark Fürstenlager
Bensheim-Auerbach
Das Fürstenlager ist frei zugänglich. Es gibt regelmäßig verschiedene Führungen. Termine finden Sie im Internet.
www.schloesser-hessen.de/fuerstenlager
Bildnachweis:
Michael Leukel

Staatliche Schlösser und Gärten Hessen

Das UNESCO-Weltkulturerbe Kloster Lorsch ist das bedeutendste Bauwerk, das die Hessische Schlösserverwaltung in der Metropolregion Rhein-Neckar betreut. Sein Freilichtlabor Lauresham zieht wie auch der romantische Staatspark Fürstenlager in Bensheim-Auerbach Jung und Alt an. Außerdem gehören auch die Burgen Auerbacher Schloss und Hirschhorn zum Einzugsgebiet der Hessen sowie das Erbacher Schloss mit den gräflichen Sammlungen und dem Deutschen Elfenbeinmuseum. Ein weiteres Kleinod ist die Einhardsbasilika in Michelstadt-Steinbach, eines der letzten Beispiele authentisch erhaltener karolingischer Architektur.
AdresseStaatliche Schlösser und Gärten Hessen // Schloss // 61348 Bad Homburg v.d.Höhe // Telefon: 06172 9262-0 // E-Mail: info@schloesser.hessen.de
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